Freitag, 12. Juni 2015

Zufrieden?


Neulich war ich wandern. Die Route hatte mein Lauf- und Wanderfreund Olli ausgesucht. Wir marschieren also frohen Mutes bergauf und dann stehen wir da plötzlich: mitten auf dem Sportplatz zwischen den Weinbergen – ein Platz, den ich noch ziemlich gut von früher kenne. Vor einer gefühlten Ewigkeit nahm ich hier einmal im Jahr am Bergturnfest teil. Ich mochte die Atmosphäre immer sehr und für uns Leichtathleten war's jedes Mal ein besonderer Wettkampf: Wir liefen auf Sand- statt auf Tartanbahnen, die Weitsprunganlagen sahen im Vergleich zu anderen Wettkämpfen immer etwas abgerockter aus. Alles war so viel naturbelassener und entspannter. Außer mir selbst. Jahrelang mühte ich mich hier im Dreikampf ab und wurde doch immer nur Zweite, was mich damals als junge, ehrgeizige Sportlerin sehr frustrierte. 


Sieht immer noch abgerockt aus:
die Weitsprunganlage.
Für diese Bahn brauchte man immer
mindestens 12 mm lange Spikenägel  –
normal sind etwa 6 mm …














Als ich vor kurzem also überraschend wieder auf diesem Platz stand, gedachte ich meiner vielen Silbermedaillen, die ich hier errungen hatte. Warum genau war ich damals eigentlich nie zufrieden mit dem zweiten Platz gewesen? Eine Frage, die mich lange beschäftigte. Womöglich aus dem gleichen Grund, weshalb ich heute unzufrieden bin, wenn ich zu wenig Zeit für Sport habe. Oder wenn ich am Ende des Tages doch nicht alles geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte. Vielleicht war und bin ich manchmal aus dem gleichen Grund über Dinge unzufrieden, wie die Leute, die in 52 Minuten 12 Kilometer laufen. Man fragt sich: »Hä? Wo ist das Problem, das ist eine tolle Leistung, die Du da erbracht hast!«
Neulich hatte ich ein schönes Gespräch mit einem Sportwissenschaftler im Fitnessstudio, der mit allem durch war: Halbmarathon, Marathon, Triathlon. Als ich ihn fragte, was er heute trainierte, meinte er, er wolle mal schauen, worauf er Lust hat. Der ganze Druck und Trainingsstress, war ihm irgendwann zu groß geworden und dann hat er mit alldem aufgehört. Jetzt macht er noch ein bisschen Krafttraining, Yoga und klettert ab und zu. Aber trainieren nach striktem Trainingsplan sei ihm inzwischen zuwider. Und am wenigsten verstehe er all die Leute, die trainieren, unglaubliche Leistungen erbringen und diese dann nicht mal mehr wertschätzen können. Fast hätte ich applaudiert, denn ich fand, er hatte absolut recht. 

Seit diesem Gespräch versuche ich, mir täglich möglichst oft auf die Schulter zu klopfen. Ganz gleich, wofür. Hey, seit Ewigkeiten will ich die Fenster putzen. Neulich hab ich's tatsächlich geschafft. Eine großartige Leistung, wie ich finde. Hey, ich war laufen, nicht so lange wie geplant, aber besser als gar nicht. Und hey, ich hab irgendwann mal ganz schön viele Silbermedaillen gewonnen. Nicht schlecht, oder? 

Dann sagt mal: Was habt Ihr so Tolles geschafft? Ich schmeiß 'ne Runde virtuelle Goldmedaillen für alle!

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