Wie man seine Welt verändert.


Es ist Herbst und es regnet. Um sicherzugehen, dass ich nicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort bin, telefoniere ich mit meinen Eltern. Nein, es regnet auch außerhalb Hamburgs. Ich kann nicht sagen, dass mich das erleichtert.

Oh, Nachricht! Da, eine Freundin fliegt spontan eine Woche in die Sonne. Wie sehr ich das auch gerne tun würde, denk ich. Dann etwas später fällt mir auf, wie sehr ich mich schon wieder selbst beschränke. Kennt Ihr das? Wenn irgendwas Spontanes, Ungewöhnliches reinflattert, ein Angebot, eine Chance, dann sofort zu denken: Nee, das kann doch gar nicht gehen – ohne auch nur wirklich darüber nachgedacht zu haben? Als mir das auffällt, überlege ich noch mal richtig. Ich könnte ja zumindest mal einfach so nach Flügen und Unterkünften gucken …

Wann habt Ihr das letzte Mal einfach so das gemacht, wonach Euch ist? Irgendwas gemacht, was Ihr schon immer mal machen wolltet, aber Euch nicht getraut habt? Einfach so mal sechs Kugeln Eis genommen, obwohl alle um Euch herum komisch gucken? Zwei Hauptspeisen im Restaurant bestellt? Einfach mal wegfahren?

Ich hab’s gemacht. Meine Laufsachen zusammengepackt, ein Buch (das noch wichtig sein wird) und meine Lieblingsplaylisten. In den Flieger rein, aus Hamburg raus, landen. Sommer! Es dauerte einen Tag bis ich darauf klarkam, dass ich nur mich selbst hatte. Dann fühlte ich mich recht gut mit mir. Als ich mich entspannt hatte, passierten plötzlich eine Reihe unheimlicher Dinge, die mir allesamt Botschaften zu vermitteln schienen: ein glutenfreies Restaurant direkt um die Ecke, das Wetter, das immer schlecht vorhergesagt war und dann trotzdem jeden Tag bombastisch wurde, ein Buch, das mich nervte, aber doch was brachte, Nachrichten und Begegnungen genau zur richtigen Zeit … 




Die Anfrage❓
Ich hatte es mir gerade am Strand bequem gemacht, meine Kopfhörer aufgesetzt, wollte meine Playlist starten und dann – bling! – E-Mail. Betreff: Anfrage. Ich lese. Ich lese noch mal. Gibt’s ja nicht, denk ich! Wie unglaublich ist das denn? Ich wurde gefragt, ob ich Teil eines ziemlich coolen Sport- und Gesundheitsprojekts 2020 werden will. Es ist eins von der Art Projekt, das so groß und so herausfordernd ist, dass man sich zwar derbe freut, aber schon im nächsten Moment daran zweifelt, ob man dem gewachsen ist. Ich will das Handy gerade weglegen, um darüber nachzudenken und endlich zu entspannen und dann …


Die Absage❗️
Bling! Neue Mail. Eine Absage für ein Schreibprojekt, auf das ich lange hingearbeitet habe. Daraus wird nix. Wieder mal. Und ich bin völlig verwirrt. Was bedeutet das? Innerhalb von Minuten eine Anfrage, eine Absage? Warum jetzt?

Der Lauf 🏃🏽‍♀️
Um klare Gedanken zu fassen, hat wohl jeder so seine Tricks. Meiner ist (klar) Sport. Einfach abschalten, laufen und danach versteh ich immer alles anders, besser. Während meines ersten Laufs im Kurzurlaub läuft Mine mit »Einfach so« Kennt Ihr Mine? Es lohnt sich, ihre Songs mal ganz genau anzuhören, ehrlich. Als ich der untergehenden Sonne einen Blick zuwerfe, singt sie gerade: »Ich fahr alleine in den Urlaub wie ein Einsiedlerkrebs, mit Size-Zero-Fax im Bikini unterwegs. Einfach so.« Ich muss lachen. Einfach so. Die Leute auf der Strandpromenade gucken mich amüsiert an.

Als ich mich beruhige, bekomme ich Gänsehaut, denn endlich werde ich dieser traumhaften Kulisse gewahr: Links von mir das Meer, auf meiner Haut Schweiß und laue Luft und in mir diese tiefe Erkenntnis, dass es jederzeit möglich ist, das zu tun, was ich gerne möchte. Vielleicht dauert es, bis ich da hinkomme, vielleicht kostet es viel Energie, Planung, Geld … Aber manchmal kann es auch ganz einfach sein. Wie dieser spontane Kurztrip. 




Das Buch 📖
»Das Café am Rande der Welt«. Ich dachte mir, das Thema passt ganz gut. Vielleicht war ich mir im Laufe des Jahres irgendwie abhandengekommen. Vielleicht war ich mir nicht mehr sicher, ob das was ich tue, das ist, was ich tun möchte. Dass ich Schreiben und Sport machen möchte, keine Frage, aber stimmte das Umfeld noch? 2019 ist zu meinem persönlichen Synonym für Fragen geworden. Die Geschichte des Buchs spielt im »Café der Fragen«. Wenn ich ehrlich bin, kam ich mir beim Lesen dieses Bestsellers wie eine Dreijährige im Kindergarten vor. So richtig cool konnte ich die Story nicht finden, obwohl ich das Thema schätze, die Erzählweise amüsant ist, aber dieses ganze Fragen-und-Antworten-Spiel war irgendwie nervtötend. Und trotzdem war was an der Story dran, das mich weiterlesen ließ. Und – wie vom Autor sicherlich beabsichtigt – stellte ich mir selbst sogleich die Fragen, die das Buch aufwarf. Bin ich auf dem richtigen Weg? Erfüllt mich das, was ich mache? Am Ende fand ich heraus, dass ich das Projekt, für das ich die Absage bekommen hatte, eigentlich gar nicht haben wollte, weil es mich viel zu viel Zeit kostete und bedeutete, dass ich weniger von den Dingen tun konnte, die ich wirklich gerne mache. Und dass ich mit meinem Trainer-Ego hadere, weil ich immer weniger mit der (Social-Media-)Fitnessszene anfangen kann (der Grund übrigens, warum Ihr immer weniger von mir zu lesen bekommt …). Und dass dieses überraschend auftauchende Projekt genau das ist, wonach ich heimlich gesucht hatte. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie erleichternd sich das anfühlte.

Wie sieht’s bei Euch aus? Manchmal steckt man eben fest. Aber ein recht sicherer Weg, um da wieder rauszukommen ist: mal radikal auf sich selbst und auf seine Bedürfnisse zu hören. Und ja, das ist manchmal verdammt schwer. Aber vielleicht müssen wir das ja nur regelmäßig üben (so wie mit dem Sport). Bei mir hat sich folgende Anleitung sehr gut bewährt, vielleicht ja auch bei Euch.




Die Anleitung 📝

Schritt 1️⃣: Willst Du’s echt?

  • Stell Dir vor, wie’s wär, wenn Du’s tun würdest. Wie fühlt sich’s an, wenn Du’s vor Deinem inneren Auge ablaufen lässt (alleine am Strand zu liegen, mit einem Buch in der Hand? In einem neuen Büro, mit neuen Kollegen an einer neuen Aufgabe zu arbeiten) Gut? Na, dann willst Du’s, oder? Auf zu Schritt zwei!
Schritt 2️⃣: Rede darüber (mit mindestens einer Person)
  • Wenn es nur in Deinem Kopf ist, ist es noch lange nicht echt. Es wird erst eine ernst zu nehmende Idee, wenn Du’s aussprichst. Wenn Dir das zu schwierig erscheint, bau einen Zwischenschritt ein und schreibe Deine Idee zuerst auf.
Schritt 3️⃣: Achte auf die Zeichen
  • Es mag etwas esoterisch klingen, aber wenn etwas sein soll, Du auf dem richtigen Weg bist, wird es immer wieder kleine Zeichen geben, die Dir sagen werden, ja, das ist es, lass es weiterlaufen (ungewöhnlich viele Leute in Deinem Umfeld fahren auf einmal auch in Urlaub? Irgendwer erzählt Dir, irgendwo wurde gerade die Stelle frei, die Du suchst? …)
Schritt 4️⃣: Mach den ersten (unverbindlichen) Schritt
  • Guck doch einfach mal … nach Flügen, nach Stellen, nach Vorträgen, Mitstreitern, Wohnungsangeboten … kostet ja nix. Und manchmal passiert hier schon das Merkwürdige: ein so günstiger Flug, bei dem man einfach zugreifen muss, eine Stelle, die genau auf Dich zugeschnitten ist, eine Person taucht auf, die der perfekte Sparringspartner wäre … Ihr wisst, was ich meine 😌
Schritt 5️⃣: Wäge einmal noch die (unliebsamen) Konsequenzen ab
  • Was passiert, wenn Du’s machst? Könntest Du‘s rückgängig machen, wenn‘s nicht klappt? Es kostet Geld? Zeit? Energie? Verlierst Du jemanden, der Dir wichtig ist? Manchmal muss das sein. Entscheidend ist, Deine persönliche Schmerzgrenze. Was bist Du bereit, dafür zu geben oder aufzugeben? Wie sehr willst Du’s wirklich? Frag Dich das alles.
Schritt 6️⃣: Wenn alles passt, dann mach es einfach
  • Du willst es noch immer? Dann mach’s, Du würdest es ohnehin bereuen, wenn nicht, oder?
Und dann, geht’s erst richtig los. Denn wenn Du’s gemacht hast, Deine Komfortzone verlassen hast, na, Du weißt ja: That’s where the magic happens 🙌🏼


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